PRESSE

PRESSEBERICHTE

Hier finden Sie diverse Presseberichte zu unserem Verein.


MUSIK ALS GEMEINSAME SPRACHE

Als Zoe Heite aus Neuenkleusheim im vergangenen Jahr am Städtischen Gymnasium Olpe (SGO) ihr Abitur bestand, wusste sie noch nicht, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchte. Sie beschloss, für eine Orientierungsphase zunächst ein Gap-Year einzulegen. Ihre Ziele: Kanada und Südafrika. „Ich wollte die Kultur und den Alltag der dort lebenden Menschen kennenlernen.“ Ebenso wollte sie sich ehrenamtlich engagieren und erteilte Kindern einer Grundschule in Südafrika Englisch- und Blockflötenunterricht.

Nachdem die Musikerin des Musikvereins Neuenkleusheim im November noch beim Jahreskonzert des Kreisjugendblasorchesters im Querflötenregister mitspielte, startete zwei Tage später ihr Flug nach Kanada. Dort hat sie bereits vor drei Jahren während der zehnten Klasse ein halbes Jahr die High School besucht. „Ich habe meine Gastfamilie und Freunde besucht und bin mit einer Freundin aus Deutschland, die ebenfalls in Kanada war, durch das Land gereist. Das war eigentlich nur Urlaub“, berichtet die 18-Jährige.

Zweites Ziel war Südafrika. Dort lebte sie in einem kleinen Ort mit Namen Hlabisa in der Nähe des berühmten Hluhluwe-iMfolozi-Nationalparks bei Schwester Marlene, von der sie bereits viel gehört hatte. Sie ist die Kontaktperson des Olper Allgemeinmediziners Dr. Gerd Reichenbach, der das Projekt „Bonga School“ in Südafrika initiiert hat. „Die Bonga School ist die Partnerschule des SGO. Als ich in der neunten Klasse war, hat unser damaliger Klassenlehrer, Marco Selent, viel von dieser Schule erzählt, die er einige Male besucht hat“, so Zoe Heite. „Ich durfte die Bonga School am letzten Tag meines Aufenthaltes, den ich wegen Corona vorzeitig abbrechen musste, besuchen.“

In Südafrika hat die 18-jährige Nichte des Olper Bürgermeisters Peter Weber aber keinen Urlaub gemacht. Sieben Wochen war sie Englischlehrerin der sechsten Klassen an einer Grundschule in Hlabisa. Ein besonderes Erlebnis war aber für sie, zwölf Schülerinnen und Schülern das Blockflötenspielen beizubringen. „Nachdem ich als Kind auch mit der Blockflöte das Musizieren begonnen habe, bin ich mit sieben Jahren auf die Querflöte gewechselt und spiele seit fünf Jahren Querflöte im Musikverein Neuenkleusheim, dessen Vorsitzender mein Vater, Dr. Michael Heite, ist. Die Blockflöte ist das ideale Instrument zur Vorbereitung des Erlernens eines Holzblasinstruments. Ich habe beim Förderverein des Musikvereins Neuenkleusheim angefragt, ob er mir für das Projekt elf Blockflöten und Unterrichtsbücher zur Verfügung stellt. Meinem Wunsch wurde entsprochen, und so hatte ich das ungewöhnliche Equipment im Handgepäck, das natürlich viel zu schwer war. Aber ich habe es am Flughafen erklärt und wurde durchgewinkt.“

Schnell bemerkte Zoe Heite, dass es in Südafrika große Unterschiede zum Schulunterricht in Deutschland gibt. „In den sechsten Klassen waren 40 bis 50 Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Alle Fächer werden in englischer Sprache unterrichtet. Doch nicht alle Kinder waren gleich weit, und deshalb war es etwas schwierig für mich, weil ich ihnen Dinge, die sie nicht verstanden, nicht in ihrer Muttersprache erklären konnte. Ein effizientes Lernen wie bei uns, ist dort nicht gegeben. Durch den Frontalunterricht schreiben die Kinder nur von der Tafel ab, ob sie es verstehen oder nicht. Der einzelne Schüler wird nicht gefördert. Wer zum Beispiel eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, ist in dem System verloren. Trotzdem ist die Beziehung der Lehrer zu den Schülern persönlich. Viele Kinder kommen aus schwierigen Verhältnissen, und da bildet die Schule einen sicheren Ort.“ Was die 18-Jährige ziemlich erschreckt hat, ist die Tatsache, dass auch Gewalt ein Thema in den Familien und in der Schule ist. „Es war schwer, das zu akzeptieren, aber es gehört zur Kultur und so funktioniert es.“

Als sie den Schulleiter gleich am ersten Tag wegen des Blockflötenprojektes fragte, habe sich dieser sehr gefreut und ihr Angebot als ein Geschenk und die Möglichkeit zur Weiterbildung für einige Schüler gesehen. Gemeinsam mit den Lehrern suchte sie sich einige Kinder aus. „Ich habe darauf geachtet, wer versteht mich, und wer ist offen für mich. Die Kinder sehen nicht oft weiße Menschen und sind deshalb oft sehr schüchtern.“ Am Ende waren es zwölf Mädchen und Jungen. „Ein Zwillingspaar hat sich eine Blockflöte und das Unterrichtsbuch geteilt, und die zehnjährige Mememe aus der Nachbarschaft von Schwester Marlene, mit der ich heute noch Kontakt habe, hat meine Blockflöte bekommen“, erzählt Zoe Heite, die die Kinder in vier Gruppen aufteilte. Keines von ihnen hatte bislang eine Blockflöte gesehen. Umso interessanter war es für sie, zu erfahren, welche Töne man ihr entlocken kann. Auch Noten kannte niemand. „Dort wird viel gesungen, und die Menschen haben ein tolles Rhythmusgefühl, aber für Instrumente fehlt das Geld. Die Kinder waren richtig glücklich, Musik mal auf eine andere Art und Weise kennenzulernen“, so Zoe Heite.

Der Blockflötenunterricht fand in den Pausen statt, die eine halbe bis dreiviertel Stunde dauerten. Als Notenständer dienten Stühle. Zoe Heite merkte schnell, dass die Kinder mit großer Begeisterung bei der Sache waren. „Es hat mich total beeindruckt, dass sie sogar nach der Schule noch spielen wollten. Ich habe miterlebt, wie die Kinder von selbst das Unterrichtsbuch durchgingen und sich gegenseitig vorspielten, was sie in den Gruppen erlernt hatten. Es war sehr schön, das zu sehen. Immer wieder kamen auch andere Kinder auf mich zu, die gerne Blockflöte spielen wollten. Sie fragten: ‚Please Miss Zoe, can I learn the instrument too?‘. Ich musste ihnen sagen, dass meine Blockflötenklasse schon voll ist, und es hat mir richtig leid getan, dass ich das Spielen nur wenigen Kindern beibringen konnte. Mit ihnen habe ich den ‚Recorder‘-Song einstudiert. ‚Recorder‘ bedeutet Blockflöte auf Englisch.“

Dass aus den zweieinhalb geplanten Monaten in Südafrika durch Corona nur sieben Wochen Aufenthalt wurden, hat Zoe Heite sehr leid getan. Gerne hätte sie sich noch weiter mit den Kindern beschäftigt. Doch auch in dieser Zeit hat sie viel erreicht. „Mir ist es gelungen, die deutsche Musik an die Kinder zu bringen, und ich konnte erleben, wieviel Spaß sie daran hatten, ein europäisches Instrument kennenzulernen und darauf zu spielen. Beeindruckt hat mich auch, wie offen sie auf die Sache und auch auf mich zugegangen sind.“ Von Mememe weiß sie, dass die Kinder aus der Blockflötenklasse, denen sie am Ende die Instrumente schenkte, auch zuhause spielen und experimentieren.

Aber auch sie selbst habe viel gelernt, so Zoe Heite, die inzwischen ihre Neigung zu Naturwissenschaften und Forschung entdeckt hat. „Es war eine sehr lehrreiche und intensive Zeit. Mir ist klar geworden, wie privilegiert wir leben, und ich habe gesehen, wie es ist, in Armut und mit Gewalt zu leben. Die Kinder dort genießen eine völlig andere Erziehung, nicht so individuell wie wir in Deutschland. Sie haben viele Geschwister und bekommen nicht die Aufmerksamkeit, wie wir sie kennen.“

Umso mehr habe sie sich gefreut, zu erleben, dass es ihr durch das Blockflötenprojekt gelungen ist, Brücken zu bauen, Brücken zwischen Kulturen, Ländern und Kontinenten. „Musik ist unabhängig von ihrem Stil eine universelle Sprache, die jeder Mensch sprechen und verstehen kann. Und Musik gibt Hoffnung und Freude. Das konnte ich erleben. Deshalb bin ich dem Förderverein des Musikvereins Neuenkleusheim sehr dankbar, dass er mir dieses tolle Projekt ermöglicht hat.“